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Oral History – Zeitzeugenbefragung als Methode

Inhalt

4.1 Was ist Oral History?
4.2 Warum Oral History in der Schule?
4.3 Wie bereitet man eine Zeitzeugenbefragung vor?
4.4 Welche Fähigkeiten werden durch eine Zeitzeugenbefragung trainiert?
4.5 Zu welchen Erkenntnissen über den Umgang mit der Zeitzeugenbefragung als Quelle sollen die SchülerInnen gelangen?

4.1 Was ist Oral History?

  • Oral History wird von der Wissenschaft als eine spezifisch zeitgeschichtliche Forschungstechnik beziehungsweise als eine Methode des historischen Forschens durch Erinnerungsinterviews betrachtet.    
  • Eine Definition lautet:
    „Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mündliche Erinnerungsinterviews mit Beteiligten und Betroffenen historischer Prozesse durchzuführen und (in der Regel) gleichzeitig in reproduzierfähiger Weise auf einen Tonträger festzuhalten, um auf diese Weise retrospektive Informationen über mündliche Überlieferungen, vergangene Tatsachen, Ereignisse, Meinungen, Einstellungen, Werthaltungen oder Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten.“ (Geppert, 1994, S. 313).
Oral History betrifft die Produktion und Bearbeitung mündlicher Quellen.

4.2 Warum Oral History in der Schule?

  • Das Zeitzeugeninterviews hat den wesentlichen Vorteil, dass die Kinder eigene Fragen an eine „mündliche Quelle“ stellen können und sofort Antworten erhalten.    
  • Somit sind die Schüler nicht nur Rezipient von Quellenmaterial, sondern werden aktiv in den Produktionsprozess integriert.
  • Außerdem wird durch Zeitzeugeninterviews die Begegnung unterschiedlicher Generationen ermöglicht. Die SchülerInnen können so lernen, Verständnis, Respekt und Achtung unter den Generationen anzubahnen und Vorurteile abzubauen.

4.3 Wie bereitet man eine Zeitzeugenbefragung vor?

4.3.1 Zur Auswahl der Zeitzeugen

Hinsichtlich der Auswahl des Zeitzeugen sollte die Lehrkraft eine Vorauswahl treffen, da die zu befragende Person einige Bedingungen erfüllen sollte:
  • Der Zeitzeuge sollte über den zu erfragenden historischen Gegenstand Bescheid wissen.
  • Er/Sie sollte sowohl geistig als auch körperlich nicht zu gebrechlich sein.
  • Der Zeitzeuge sollte auf Kinder im Grundschulalter eingehen können.
  • Zeitzeuge und Schüler müssen Vertrauen zueinander gewinnen. Für eine erste Befragung bieten sich daher für GrundschülerInnen vor allem Verwandte an.

4.3.2 Vorbereitung

  • Bevor das eigentliche Interview durchgeführt wird, sollte die Methode der Zeitzeugenbefragung eingeübt werden, z. B. durch Rollenspiele.
  • Außerdem muss den SchülerInnen die Scheu vor der Befragung fremder Personen genommen sowie eine offene Fragehaltung trainiert werden. Sie müssen lernen, sich im Gespräch zurückzuhalten und mit Fragen flexibel umzugehen, was Kindern oft Probleme bereitet.
  • Die SchülerInnen müssen sich überlegen, was sie vom Zeitzeugen wissen wollen. Hierfür ist wichtig, dass die Kinder einige Kenntnisse zum Gegenstand der Befragung haben.
  • Nun entwerfen die SchülerInnen einen Fragekatalog. Dieser dient einerseits als Gedächtnisstütze und bietet andererseits dem Zeitzeugen eine zeitliche und thematische Rahmenvorgabe.

4.3.3 Durchführung des Interviews

  • Die Befragung kann im Klassenzimmer stattfinden. Manchmal ist es jedoch sinnvoller, Menschen in ihrer gewohnten Umgebung aufzusuchen.
  • Für die Befragung sollten Interviewgruppen mit höchstens sechs SchülerInnen zusammengestellt werden: zwei Interviewer, ein Kind, das den Rekorder bedient und zwei bis drei Kinder, die während der Befragung Stichpunkte machen.
  • Ein Videomitschnitt des Interviews erleichtert die Auswertung.
  • Die Fragen an den Zeitzeugen sollten möglichst offen sein, damit dieser zum Erzählen angeregt wird.

4.3.4 Nachbereitung

  • Nach dem Interview sollte der Zeitzeugenbericht verschriftet und ausgewertet werden. Dieser Schritt kann wegfallen, wenn eine Videoaufnahme erstellt wurde. Die Transkription der Interviews ist vor allem für GrundschülerInnen nicht ganz einfach und erfordert viel Zeit. Für diesen Schritt müssen die Kinder darin geübt sein, wesentliche Kernaussagen sowie Widersprüche zu erkennen. Die Notizen, die die Kinder während der Befragung gemacht haben, dienen als hilfreiche Ergänzung.
  • Die Ergebnisse der einzelnen Interviewgruppen werden dann im Klassenverband vorgestellt und verglichen.
  • Die Auswertung der Befragungen sollte nach den Dimensionen "Analyse", "Sachurteil" und "Werturteil" erfolgen (Jeismann):
    • Sachurteil:
      Die SchülerInnen beurteilen die Bedeutung der rekonstruierten Ereignisse für die vergangene Zeit. Hier soll erkannt werden, dass Zeitzeugen auf Grund ihres je unterschiedlichen Blickwinkels die vergangene Gegenwart unterschiedlich bewerten.
    • Werturteil:
      Die SchülerInnen können ihre eigenen Erwartungen, die sie zu Beginn der Unterrichtseinheit hatten, mit den Ergebnissen der Interviews vergleichen oder etwa Vorurteile in der Gesellschaft reflektieren und kritisch hinterfragen.

4.4 Welche Fähigkeiten werden durch eine Zeitzeugenbefragung trainiert?

  • gemäß einer historischen Frage Zeitzeugen suchen und auswählen
  • eine historische Frage in sachgemäße und personenbezogene Unterfragen gliedern: Entwicklung von Interview-Leitfäden
  • Erzähltes dokumentieren
  • Erzähltes ordnen, zusammenfassen, systematisieren
  • Erzähltes auf die Triftigkeit, Schlüssigkeit und Wahrscheinlichkeit überprüfen
  • Erzähltes auf die Perspektiven hin untersuchen
  • Vergleich der Erzählungen von verschiedenen Zeitzeugen: Übereinstimmungen, Widersprüche erkennen
  • Verstehen der lebenspraktischen Bedeutung und Einordnung der erinnerten Erfahrungen

4.5 Zu welchen Erkenntnissen über den Umgang mit der Zeitzeugenbefragung als Quelle sollen die SchülerInnen gelangen?

Zeitzeugenaussagen sind subjektiv:
Die Zeitzeugen haben verschiedene persönliche Sichtweisen auf die erinnerten Ereignisse, da diese eine unterschiedliche Bedeutung für die Befragten hatten.
      
Zeitzeugenaussagen sind selektiv:
  • Es werden bestimmte Phänomene aufgrund von Gedächtnisproblemen vergessen.
  • Oftmals überlagern gegenwärtige Erfahrungen die eigentlich erlebten Ereignisse. Es kann eine Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Wahrnehmung und der zwischenzeitlichen Veränderung dieser Wahrnehmung durch Wertewandel sowie Verarbeitungs- und Verdrängungsvorgängen entstehen. Daher werden mitunter auch bewusst Informationen weggelassen oder anders erzählt.

            
Daher müssen Zeitzeugenaussagen hinsichtlich ihrer Gültigkeit und Zuverlässigkeit geprüft werden.
      
Dazu zieht man weitere Quellen heran:

  • So kann man aus anderen Blickwinkeln Informationen ergänzen.
  • So kann man auftretende Widersprüche aufdecken.


Die verwendete Literatur finden Sie im Literaturverzeichnis.

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